Tag 133: Adiós, Puebla

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser Abschied so schwer wird. Ich habe diese Situation schon so oft erlebt: Nach zwei Monaten in einer wunderbaren WG in Chile, nach einem Jahr in München im Studentenwohnheim, nach einem halben Jahr in Dortmund mit der Erasmus-Meute. Doch der Abschied von meinen Leuten in Puebla trifft mich härter.

Es ist wahrscheinlich das letzte Mal gewesen, dass ich mit so vielen Studenten auf einem Haufen zusammengewohnt habe. Das Auslandssemester in Mexiko war für mich das letzte richtige Semester – wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich meine Masterarbeit schreiben und die Studienzeit ist vorbei.

Gerade die letzte Zeit in Puebla war noch einmal richtig erlebnisreich: Wir sind fast jeden Abend feiern gegangen, hatten unseren Abschlussball, haben uns alle im Studio unseres Hauses tättowieren lassen (ich habe mich für einen Kolibri am Fuß entschieden, da ich auf der Dachterasse unseres Hauses zum ersten Mal in meinem Leben dieses faszinierende Tier gesehen habe).

Gleichzeitig haben wir Pläne gemacht, wann wir uns wiedersehen. Die Spanier haben zu der Feria in Sevilla nächstes Jahr eingeladen, die Franzosen nach Lyon. Die Peruanerin sehe ich vielleicht in Nicaragua wieder – mein nächstes Ziel. Dennoch schmerzt der Abschied sehr. Ein letztes Mal gehen wir durch das Künsterviertel, auf den Makt, nach Cholula. Ich bin noch nicht bereit.

Tag 32: Puerto Escondido

Auf zum Strand! Wir fahren mit rund 80 Leuten von der Organisation Sí Señor nach Puerto Escondido im Bundesstaat Oaxaca. Die Küste sieht aus wie im Reisekatalog: weißer Sandstrand, hohe Wellen, ein Haufen Surfer.

In Dreiergruppen belegen wir die Zelte, die im Sand aufgebaut sind. In der ersten Nacht stellt sich heraus, dass wir diese nur für unser Gepäck benutzen: Wir schlafen alle zusammen auf einer riesigen Matratze im Camp unter den Sternen. Einige wählen die Hängematten, die rings um die Matratze zwischen den Palmen hängen.

Die kommenden drei Tage verbringen wir damit am Strand rumzuhängen, Kokosmilch zu schlürfen und in den Restaurants an der Promenade Tlayudas zu bestellen, ein typisches Gericht aus Oaxaca. Ein Paradies!

Tag 17: Studentenleben

Am ersten Unitag fühle ich mich wie ein Erstklässler an seinem ersten Schultag. Statt Schultüte habe ich ein Wörterbuch dabei. Für Alltagsgespräche reichen meine Spanischkenntnisse zwar (mein Niveau liegt irgendwo bei B2 vermischt mit chilenischem Slang durch mein Praktikum in Santiago vor drei Jahren). Aber ist das genug für die Universität?

Die erste Woche startet ein wenig hektisch: Ich verirre mich regelmäßig in den Gebäuden und komme zu spät. Ein Raum wird spontan geändert und ich finde mich in einem Kurs mit Krankenschwestern in weißen Kitteln wieder. Ich muss lachen und flüchte aus dem Raum.

Ich laufe über den Campus der UPAEP. An den Wegen reihen sich kleine Springbrunnen und Blumenbeete aneinander. Die Studenten chillen in Sitzecken in der Sonne oder auf der großen Wiese vor der Cafetería, wo ich die Mädels aus meinem Haus treffe.

Der Campus ist so klein und zentral, dass man immer wieder jemanden zum plaudern trifft. Wir trinken einen Kaffee und ich bin erleichtert, als ich höre, dass es den anderen genauso geht wie mir.

Was mich am meisten an der Uni überrascht ist die Pünktlichkeit und Produktivität, die jedes Stereotyp von Mexikanern infrage stellt. Ich habe zweimal die Woche um 7 Uhr (!) Uni und es gilt Anwesenheitspflicht. Bereits am dritten Tag führe ich ein Interview auf Spanisch, das ziemlich holprig verläuft. Dafür komme ich in den Kursen sehr gut mit. Wer allerdings mehr als fünf Minuten zu spät kommt, bekommt einen Fehltag. Wer hätte gedacht, dass ich es in Mexiko lerne pünktlich zu sein?

Nach einer Woche habe ich zwei Kurse abgewählt und einen dazugenommen  mein Stundenplan steht! Ich belege vier Journalismus-Kurse:

  • Periodismo Digital (Digitaler Journalismus)
  • Laboratorio Audiovisual (Audiovisuelle Produktion)
  • Producción de Discursos Multimedia (Multimedia-Produktion)
  • Nuevos Medios y Nuevas Tecnologías (Neue Medien & neue Technologien)

Und durch den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt an der TU Dortmund auch zwei Kurse aus Medizin und Psychologie:

  • Medicina de la Comunidad (Medizin in der Gesellschaft)
  • Psicología del Desarrollo Humano (Entwicklungspsychologie)

Tag 6: Puebla!

Was für ein herzlicher Empfang! Neben Maggie aus den USA lerne ich die anderen vom Casa Talavera kennen: Ich wohne zusammen mit einer Peruanerin, einer Brasilianerin, einer Koreanerin, einem Deutschen, drei Französinnen und einem Haufen Spanier.

Insgesamt sind wir 16 Austauschstudenten. Das Haus hat genug Platz für uns: Die Zimmer verteilen sich auf drei Stockwerke, es gibt eine Gemeinschaftsküche, ein Wohnzimmer, einen kleinen Garten und das Beste: eine Dachterasse.

Das Besondere an unserem Haus aber sind die bemalten Wände. Auf meinem Flur gegenüber meiner Zimmertür prangt ein Gepard mit bunten Blumen. Ich hänge die mitgebrachten Fotos von Freunden und Familie über meinem Schreibtisch auf und lasse mich aufs Bett fallen. Ein neues Zuhause.

Am nächsten Morgen wache ich auf voller Tatendrang: Ich bin neugierig darauf, endlich die Stadt kennenzulernen. Ich laufe die Haupteinkaufsstraße, die 5 de Mayo, entlang, in der sich Klamottenläden aneinanderreihen.

Die eigentlichen Geschäfte laufen aber vor den Läden ab. Verkäufer stehen an ihren Ständen und schreien die Preise durch die Menge: Mangos und Ananas für 50 Cent das Kilo, gegrillte Maiskolben und Tacos für einen Euro. Zwei Jungs pressen frischen Orangensaft im Sekundentakt.

Ich erreiche den Zócalo, an dem sich auch die Kathedrale befindet. Oder besser gesagt, die Hauptkathedrale: Puebla hat insgesamt 365 Kirchen und Kapellen, die neben den Talavera-Kacheln ein Markenzeichen der Stadt sind.

Eine Straße weiter setze ich mich in ein Restaurant und frage nach dem typischsten Essen aus Puebla. Der Kellner serviert mir Mole Poblano: Hähnchen mit Reis und Mole, einer Soße aus einer etwas seltsamen aber sehr leckeren Kombination aus Schokolade, Nüssen und natürlich – Chilis.

Tag 3: In der Hauptstadt

Mexiko-Stadt! Schon beim Anflug wird mir deutlich, dass ich in der größten Metropole Lateinamerikas lande. Unter mir erstreckt sich ein endloses Schachbrettmuster aus Straßen und Hochhäusern, Autos stauen sich an jeder Kreuzung, es blinkt und leuchtet.

Es ist 20 Uhr als ich aus dem Flugzeug steige und als Begrüßung stößt mir die kalte Luft ins Gesicht. Mexiko-Stadt als auch mein Studienort Puebla liegen auf einer Hochebene von 2000 Metern – am Tag wird es angenehm warm wie bei uns im Frühling, in der Nacht fällt die Temperatur bis auf 5 Grad ab. In den kommenden Monaten werde ich mich im Zwiebel-Look kleiden müssen.

Am Terminal wuseln tausende Passagiere umher, Menschen stolpern über herumstehende Koffer, alles brabbelt auf Spanisch. Da sind sie! Paty und Aturo, meine Freunde die ich aus Chile kenne, laufen mir entgegen. Ich falle ihnen erschöpft, aber glücklich in die Arme.

In den kommenden drei Tagen führen mich die beiden durch ihre Heimatstadt. Ich laufe ihnen hinterher – begeistert und orientierungslos zugleich. Sie zeigen mir das historische Zentrum mit dem Plaza de Constitución (Hauptplatz, auch Zócalo genannt), dem Palacio Bellas Artes (Kulturzentrum) und dem Ángel de la Independencia (eine knapp 100 Meter hohe Säule auf der ein Engel thront).

Weiter geht’s mit der stets überfüllten und etwas stickigen Metro. Nach fünf Stationen landen wir im Künstlerviertel Coyoacán. Hier fühle ich mich wohl: Der Stadtteil ist ruhiger als das Zentrum, es gibt Galerien, Cafés mit bemalten Wänden und die Musiker spielen auf der Straße.

Wir bekommen Hunger und setzen uns in eins der gemütlichen Restaurants, wo wir Tacos, Enchiladas und Pozole (Eintopf aus Mais und Hühnerfleisch) bestellen. Meine Freunde lehnen sich zufrieden zurück, als sie in ihre Tacos beißen – ich kriege den ersten Salsa-Schärfeschock meines Lebens. Ob ich mich in den kommenden fünf Monaten daran gewöhne?

Tag 1: Abflug nach Mexiko-Stadt

Es geht los! Gleich hebt mein Flieger ab in Richtung Mexiko. Ich werde in Mexiko-Stadt landen, wo ich zwei Freunde nach mehr als drei Jahren wiedertreffe. Die beiden werden mich in den ersten Tagen aufnehmen und mich durch den Hauptstadt-Dschungel führen.

Anschließend geht’s nach Puebla, zwei Autostunden südöstlich von Mexiko-Stadt entfernt. Hier werde ich für ein Semester an der Universidad Popular Autónoma del Estado de Puebla (kurz UPAEP) studieren.

Nach meinem Auslandssemester plane ich, weiter in den Süden zu reisen. Wohin genau und wie lange? Das weiß ich noch nicht. Nur der Hinflug ist gebucht, one way, sólo ida. Auf meiner Reise werde ich diesen Blog mit Fotos und kurzen Reiseberichten füllen. Schaut doch ab und zu mal vorbei, ich würde ich mich freuen!

Eine kleine Zahlenstatistik zum Reisestart:

5 kg  Gewicht meines Handgepäcks

15,5 kg  Gewicht meines Rucksacks

20  Fotos von Familie und Freunden zum Aufhängen im mexikanischen WG-Zimmer

56  Tabletten in meiner Reiseapotheke aufgezwungen im Verschreibungswahn meines Hausarztes, darunter ein Breitband-Antibiotikum zum selbst anrühren (ob mich die mexikanischen Behörden damit überhaupt einreisen lassen?)

1000  gefühlte Frequenz meiner Hände vor Aufregung